Alibaba steckt in einem Dilemma, das sich nicht schönreden lässt: Ein Konzern mit mehr als 30 Milliarden Dollar Netto-Cash geht an den Kapitalmarkt und sammelt weitere 10,2 Milliarden Dollar ein. Für mich ist genau das der Punkt, an dem sich Anleger fragen müssen, ob hier Weitsicht oder Nervosität am Werk ist.
Die Kapitalerhöhung wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet
Am 23. August platzierte Alibaba Aktien im Volumen von 80 Milliarden Hongkong-Dollar zu 112,70 Hongkong-Dollar je Stück, ein Abschlag von 8,4 Prozent auf den damaligen Kurs. Bernstein-Analyst Robin Zhu, der die Aktie weiterhin mit Buy einstuft, senkte sein Kursziel dennoch von 180 auf 165 Dollar.
Sein Argument trifft den wunden Punkt: Wenn ein Unternehmen mit derart komfortabler Bilanz frisches Kapital aufnimmt, stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem Return on Investment. Timing und Optik sprechen aus meiner Sicht nicht für einen Konzern, der aus einer Position der Stärke handelt, sondern für einen, der sich für ein sehr teures Wettrennen wappnet.
Und teuer ist das KI-Rennen tatsächlich. Im vergangenen Quartal gab Alibaba 67,7 Milliarden Yuan für Capex aus, ein Plus von 75 Prozent, während gleichzeitig ein freier Cashflow-Abfluss von 44,7 Milliarden Yuan zu Buche stand. Das ist kein Nebenschauplatz mehr, das ist die neue Realität des Geschäftsmodells.
Wer hier investiert ist, kauft nicht mehr nur einen E-Commerce- und Cloud-Konzern, sondern eine Wette auf den Ausgang eines globalen Infrastrukturwettlaufs.
Operative Stärke spricht für die Bullen
Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: Die operativen Zahlen liefern durchaus Argumente für die Optimisten. Der externe Cloud-Umsatz wuchs um 45 Prozent, das schnellste Tempo seit 22 Quartalen. Die KI-Produktumsätze verzeichnen bereits das zwölfte Quartal in Folge zweistelliges Wachstum. Das ist kein Zufallstreffer, sondern ein Muster, das für Substanz hinter dem Investitionsschub spricht.
Die durchschnittliche Kurszielspanne der Wall-Street-Analysten liegt bei 188,10 Dollar, was gegenüber dem zuletzt genannten Kursniveau ein Aufwärtspotenzial von über 60 Prozent implizieren würde. Auch das mag als Signal gewertet werden, dass die Straße dem Management mehr Geduld zubilligt, als der Kursverlauf derzeit vermuten lässt.
Politisch bekommt die China-Tech-Story zusätzlich Rückenwind: Peking plant, Unternehmen wie Alibaba, ByteDance und DeepSeek den limitierten Bezug von Nvidia-H200-Chips zu gestatten, sofern Stückzahl und Verwendungszweck offengelegt werden.
Für mich ist das ein Signal, dass die chinesische Regierung ihre KI-Champions nicht im Regen stehen lassen will, auch wenn die Position gegenüber US-Chipimporten laut einem Sprecher der chinesischen Botschaft unverändert bleibt.
Der Markt bleibt skeptisch, und das zu Recht
Was mich an der aktuellen Kursentwicklung stört: Der Kurs notiert 3,8 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt und rund 16 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt, während der RSI von 40,5 auf anhaltend schwache Dynamik hindeutet.
Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 23 Prozent zu Buche, auf Zwölf-Monats-Sicht sind es 19 Prozent. Der Abstand zum 52-Wochen-Hoch beträgt 41 Prozent. Das ist keine Marktlaune, das ist eine nachhaltige Neubewertung des Investitionsrisikos.
Gleichzeitig fällt auf, dass sich der breitere chinesische Technologiesektor am Montag deutlich erholte, mit Chip- und 5G-Werten, die zweistellig zulegten. Alibaba konnte davon offenbar nicht in vollem Umfang profitieren, während Hang Seng und Hang Seng Tech sogar leicht nachgaben. Das lässt sich als Hinweis lesen, dass die Kapitalerhöhung tatsächlich Vertrauen kostet, unabhängig davon, wie stark der Cloud-Bereich wächst.
Mein Fazit
Unterm Strich sehe ich Alibaba an einem Scheideweg zwischen Bargain und Trap. Die operativen Wachstumsraten in Cloud und KI-Produkten sprechen für eine langfristige Berechtigung der Investitionsoffensive.
Doch die Art und Weise der Kapitalbeschaffung, kombiniert mit dem massiven Cash-Verbrauch und der fortgesetzten technischen Schwäche, spricht dafür, dass der Markt dem Management das nötige Vertrauen für diese Wette noch nicht vollständig geschenkt hat.
Wer an die KI-Story glaubt, muss auch die Geduld für weitere Volatilität mitbringen – die 43 Prozent annualisierte Schwankungsbreite ist dafür ein deutliches Warnsignal.
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