Am Donnerstag sprang die Aixtron-Aktie zum Handelsstart zeitweise um 5 Prozent, weil starke Zahlen von Nvidia die gesamte Chip- und KI-Branche beflügelten. Für mich ist genau dieser Reflex das eigentlichste Problem der Aixtron-Story im Moment: Der Kurs reagiert derzeit stärker auf fremde Bilanzen als auf die eigenen Fundamentaldaten.
Ein Auftragspolster, das noch beweisen muss, dass es trägt
Dabei hat Aixtron durchaus eigene Substanz vorzuweisen. Der Auftragseingang im zweiten Quartal lag bei 214,5 Millionen Euro, ein Plus von 81 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der Auftragsbestand erreichte 457 Millionen Euro. Das ist ein Polster, von dem viele Ausrüster in der Branche nur träumen können.
Doch ein Auftragsbestand ist erst dann Geld wert, wenn er sich in Umsatz übersetzt – und genau hier klemmt es noch. Der Umsatz im ersten Halbjahr lag mit 174,5 Millionen Euro rund 30 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum, wenngleich Aixtron in Q2 mit einer EBIT-Marge von 13 Prozent in die Gewinnzone zurückkehrte.
Das Unternehmen selbst hat die Marschroute für das dritte Quartal längst formuliert: Umsatz zwischen 160 und 200 Millionen Euro. Am 29. Oktober wird sich zeigen, ob diese Zielspanne erreicht wird – für mich ist dieser Termin der eigentliche Prüfstein des Jahres, weit wichtiger als jeder Nvidia-Kursausschlag. Erst wenn Aixtron belegt, dass Aufträge zügig in Erlöse umgewandelt werden, verdient die Bewertung ihre Berechtigung.
Die Guidance ist ambitioniert – und wurde bereits einmal angehoben
Für das Gesamtjahr 2026 peilt Aixtron einen Umsatz von 560 Millionen Euro (plus/minus 30 Millionen) an, bei einer EBIT-Marge von 17 bis 20 Prozent. Bemerkenswert: Diese Prognose wurde im April bereits von zuvor 520 Millionen Euro angehoben, ebenso die Margenspanne. Das spricht für Zuversicht im Management, gestützt auch auf die Optoelektronik-Sparte – MOCVD-Equipment für LED-Produktion machte im ersten Quartal bereits 31 Prozent des Equipmentumsatzes aus, gegenüber 17 Prozent im Vorjahr.
Doch die Zahlen aus dem ersten Quartal zeigen auch die Kehrseite: Der Umsatz lag dort mit 59,4 Millionen Euro satte 47 Prozent unter dem Vorjahreswert und 68 Prozent unter dem Vorquartal. Die Geschäftsentwicklung verläuft also alles andere als linear – wer hier auf eine gleichmäßige Wachstumskurve setzt, dürfte enttäuscht werden. Es ist ein Geschäft mit ausgeprägter Zyklik, in dem einzelne Großaufträge die Quartalszahlen dominieren.
Analysten wurden vorsichtiger, bevor die Rally erneut Fahrt aufnahm
Anfang August, also noch vor der jüngsten Erholungsphase, senkten mehrere Häuser ihre Kursziele: JPMorgan reduzierte sein Ziel auf 60 Euro, behielt aber das Rating „Overweight“, die DZ Bank stufte auf 40 Euro mit „Halten“ zurück, Jefferies senkte auf 44 Euro bei „Buy“.
Diese Einschätzungen sind mittlerweile rund einen Monat alt und sollten nicht als aktuelle Meinungslage missverstanden werden – seither hat sich die Nachrichtenlage mit starken Auftragszahlen und der Nvidia-getriebenen Rally deutlich verändert.
Dass sich seither offenbar niemand zu einer neuen Einschätzung durchgerungen hat, ist für mich selbst schon eine Aussage: Die Bewertung ist derzeit schwer zu fassen, solange die Umsatzumsetzung im dritten Quartal noch offen ist.
Mein Fazit
Aixtron sitzt auf einem beeindruckenden Auftragsbestand und einer angehobenen Guidance – das sind reale Stärken. Doch der jüngste Kurssprung nach Nvidia-Zahlen zeigt, wie sehr die Aktie derzeit von Branchensentiment statt von eigenen Belegen getrieben wird.
Für mich überwiegt bis zum 29. Oktober die Unsicherheit: Erst die Q3-Zahlen werden zeigen, ob sich der Auftragsberg tatsächlich in Umsatz verwandelt. Bis dahin bleibt die Aktie ein Wettschein auf die Umsetzungsfähigkeit des Managements – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
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