Airbus-Verwaltungsratschef René Obermann hat den europäischen Regierungen ins Stammbuch geschrieben, was ihm auf der Seele brennt: Wer in der Verteidigungspolitik weiter in nationalen Kategorien denkt, schadet dem gesamten Kontinent. Die Warnung kommt zu einem Zeitpunkt, in dem Europa seine Rüstungsindustrie neu ordnen will – und zeigt, wie viel Reibung dabei noch im System steckt.
Kritik am Geo-Return-Prinzip
Obermann richtet sich gegen das Prinzip des sogenannten Geo-Returns, bei dem Länder bei Gemeinschaftsprojekten Industrieaufträge exakt in Höhe ihres Finanzierungsanteils erhalten. Das Prinzip stärke nationale Interessen auf Kosten europäischer Effizienz, so seine Argumentation. Er formuliert es drastisch: Europa schieße sich damit selbst ins Knie. Konkrete Entscheidungen zur Harmonisierung der Beschaffung und Standardisierung von Waffensystemen ließen weiter auf sich warten, kritisiert der frühere Telekom-Chef.
Beim gescheiterten deutsch-französischen Kampfflugzeug-Projekt FCAS widerspricht Obermann dem Begriff „Fiasko“. Einzelne Elemente des Programms ließen sich durchaus weiterführen, so seine Einschätzung. Ein Kampfflugzeug der sechsten Generation bleibe für Europa unverzichtbar – gedacht als vernetzte Plattform, die bemannte und unbemannte Einheiten in Echtzeit über Satelliten- und Bodennetzwerke koordiniert. Airbus sieht sich hier gut positioniert, um eine führende Rolle einzunehmen.
Diversifizierung jenseits der Passagierflugzeuge
Die Positionierung passt zu einer breiteren Strategie: Airbus baut sein Geschäft in Raumfahrt und Sicherheitstechnologie parallel zum klassischen Flugzeuggeschäft aus. Ein aktuelles Beispiel ist die Zusammenarbeit mit dem Satellitenbetreiber SES beim Aufbau einer optischen Bodenstation in den Niederlanden, die künftig quantensichere Kommunikation über Laserverbindungen ermöglichen soll. Zudem gilt der Konzern als einer der Profiteure einer westlichen Strategie, die Lieferketten für kritische Rohstoffe wie Wolfram unabhängiger von China zu machen – ein Metall, das in Luftfahrt und Rüstung gleichermaßen gebraucht wird.
Ob sich Obermanns Appell in konkrete Beschaffungsentscheidungen der europäischen Regierungen übersetzt, bleibt eine politische Frage. Für Airbus selbst zeichnet sich derweil ab, dass sich das Unternehmen zunehmend als Systemanbieter zwischen ziviler Luftfahrt, Verteidigung und Raumfahrttechnologie positioniert.
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