Ein Vorfall vom 4. August rückt Airbus in dieser Woche in den Mittelpunkt der Branchenberichterstattung. Ein Air-India-Flugzeug des Typs A320neo verlor auf dem Flug AI2379 von Phuket nach Delhi für rund vier Sekunden die Kontrolle über Höhen- und Querruder, nachdem alle drei Hydrauliksysteme des Flugzeugs – Grün, Blau und Gelb – nahezu gleichzeitig ausfielen.
Die Maschine sackte binnen kurzer Zeit um 300 Fuß ab, 24 Menschen wurden verletzt. Die indische Untersuchungsbehörde AAIB ermittelt zusammen mit Airbus und der französischen BEA. Berichten zufolge wurde der verantwortliche Kapitän positiv auf Marihuana getestet, Air India kündigte als Konsequenz verpflichtende Drogentests für alle Piloten an.
Für Airbus ist der seltene dreifache Hydraulikausfall technisch brisant, weil er ein Kernsystem der Flugsteuerung betrifft, das in der A320-Familie als besonders redundant ausgelegt gilt.
Solange die Ursache nicht geklärt ist, bleibt offen, ob es sich um einen Einzelfall handelt oder um ein systemisches Problem, das weitere Maschinen der weltweit meistverkauften Kurz- und Mittelstreckenfamilie betreffen könnte. Anleger dürften die Ergebnisse der Untersuchung aufmerksam verfolgen, auch wenn ein unmittelbarer Effekt auf das operative Geschäft bislang nicht erkennbar ist.
Duell der Langstrecken-Giganten nimmt Fahrt auf
Parallel zur laufenden Untersuchung verschärft sich der Wettbewerb im Langstreckensegment. Airbus bringt mit der A350-1000ULR eine Variante mit erweiterter Reichweite von 18.000 Kilometern an den Start, gegenüber 16.500 Kilometern bei der Standardversion.
Ein zusätzlicher Tank mit 20.900 Litern Fassungsvermögen und eine Konfiguration mit 238 Sitzen sollen die Maschine für Ultra-Langstrecken attraktiv machen. Qantas hat bereits zwölf Exemplare bestellt. Boeing kontert mit dem 777X, der 425 bis 450 Passagiere fasst und mit GE9X-Triebwerken sowie klappbaren Tragflächen ausgestattet ist.
Für das Modell liegen bereits rund 1.100 Bestellungen vor, der Markteintritt beider Flugzeuge ist für das kommende Jahr geplant. Der direkte Vergleich zeigt: Airbus setzt auf Reichweite und Effizienz, Boeing auf Kapazität – beide Hersteller kämpfen um die gleichen Fluggesellschaften im lukrativen Interkontinentalsegment.
Kurs bleibt nahe am Rekordhoch
An der Börse zeigt sich das Papier von den operativen Themen wenig beeindruckt. Die Aktie notiert aktuell bei 215,50 Euro und legt am heutigen Freitag um 1,2 Prozent zu. Damit bleibt der Titel nur 2,6 Prozent von seinem 52-Wochen-Hoch entfernt, das Airbus im Januar erreicht hatte. Die Marktkapitalisierung liegt bei 170,60 Milliarden Euro, was die Größenordnung unterstreicht, in der Airbus mit Boeing um Marktanteile im Langstreckensegment ringt.
Für Anleger bleibt die Gemengelage zweigeteilt: Auf der einen Seite steht ein technischer Zwischenfall, dessen Ursache noch nicht abschließend geklärt ist und dessen Ausgang die Reputation der A320-Familie berühren könnte.
Auf der anderen Seite untermauert die Offensive bei Langstreckenflugzeugen die strategische Position von Airbus gegenüber Boeing, dessen 777X trotz hoher Bestellzahlen erst im kommenden Jahr in den Liniendienst startet.
Solange die Untersuchung des Air-India-Vorfalls läuft, dürfte die Aktie stärker von der Wettbewerbsdynamik im Langstreckengeschäft getrieben werden als von kurzfristigen Sicherheitsschlagzeilen.
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