An der Börse geht es manchmal schneller als man denkt – in beide Richtungen.
Der US-Drohnenspezialist Aerovironment ist dafür gerade das beste Beispiel.
Das Unternehmen aus Virginia ist der weltweit führende Anbieter sogenannter Loitering Munition – besser bekannt als Kamikaze-Drohnen, die über dem Gefechtsfeld kreisen und ihr Ziel im Sturzflug zerstören. Seit einer milliardenschweren Übernahme im vergangenen Jahr ist Aerovironment ein breit aufgestellter Verteidigungskonzern, der Angriffs- und Verteidigungsdrohnen anbietet.
Die Story ist spannend, doch die Börse hatte 2025 auch einiges an Erwartung vorweggenommen. Die Aktie war daher nach ihrem Allzeithoch im Oktober 2025 tief gefallen und hatte sich zwischenzeitlich mehr als halbiert.
Ende Juni markierte der Kurs bei rund 120 € ein 52-Wochen-Tief – doch dort drehte dann endlich der Wind. Auf +11% in der vorletzten Woche folgten in der abgelaufenen Handelswoche noch einmal satte +24%. Inzwischen notiert die Aktie bei rund 170 € und dürfte die Tiefstkurse abgeschüttelt haben.
Quartalsergebnisse deutlich besser als erwartet
Der Startschuss für die jüngste Rally fiel Ende Juni, als Aerovironment seine Geschäftszahlen zum vierten Quartal des per Ende April abgelaufenen Geschäftsjahres 25/26 vorlegte. Die Erwartungen der Analysten wurden dabei regelrecht pulverisiert. Der Umsatz sprang um 133% auf 641,6 Mio. USD, der bereinigte Gewinn je Aktie erreichte 1,84 USD.
Zum Vergleich: Die Experten hatten im Schnitt lediglich 556 Mio. USD Umsatz und 1,47 USD Gewinn je Aktie auf dem Zettel. Die Umsatzerwartung wurde also um über 15% geschlagen, die Gewinnerwartung um rund ein Viertel.
Der Blick nach vorn fiel mindestens ebenso stark aus.
Der Auftragsbestand kletterte um 65% auf den Rekordwert von 1,2 Mrd. USD – je Dollar Umsatz kommen rein rechnerisch derzeit 1,40 USD an neuen Aufträgen herein. Für das laufende Geschäftsjahr stellt der Vorstand daher eine Umsatzausweitung auf 2,125 bis 2,225 Mrd. USD Umsatz in Aussicht.
Gemessen an der aktuellen Auftragsdynamik dürfte das eher eine konservative Annahme sein, auch der Analystenkonsens liegt etwas über der Prognose-Mitte. Sehr gut vorstellbar, dass Aerovironment bewusst vorsichtig kalkuliert, um nicht unter Druck zu geraten, falls wider Erwarten ein schwächeres Quartal kommen sollte.
AeroVironment Aktie Chart
Nächster Auftrag von der US-Army: 500 Mio. USD für die Drohnenabwehr
Danach sieht es aktuell allerdings nicht aus. Erst vor wenigen Wochen sicherte sich Aerovironment lukrative Drohnen-Aufträge der US-Armee, vergangene Woche kam dann der nächste Coup: ein Fünfjahres-Rahmenvertrag der US-Armee über 500 Mio. USD zur Drohnenabwehr.
Geliefert und integriert wird das Titan-RF-System, das feindliche Kleindrohnen erkennt und unschädlich macht – exakt die Fähigkeit, die nach den Erfahrungen aus der Ukraine und den russischen Luftraumverletzungen über Polen und Dänemark bei allen westlichen Armeen ganz oben auf der Beschaffungsliste steht
NATO-Gipfel als Kurstreiber
Es würde mich nicht überraschen, wenn die US-Amerikaner in naher Zukunft weitere Millionen-Aufträge verkünden. Gestern begann in Ankara der NATO-Gipfel. Im Mittelpunkt stehen die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit, die Umsetzung des 5%-Ausgabenziels und Militärhilfen für die Ukraine von mindestens 70 Mrd. € pro Jahr.
Generalsekretär Mark Rutte treibt zudem einen bündnisweiten Plan zur Stärkung der Drohnenabwehr voran, allein Deutschland will in den kommenden Jahren 10 Mrd. € in Drohnen aller Art investieren – in Angriffs- ebenso wie in Verteidigungssysteme, über alle Flughöhen hinweg.
Dass am Rande des Gipfels erstmals ein eigener Industrietag mit Rüstungsunternehmen stattfindet, unterstreicht den Beschaffungsdruck auf dem alten Kontinent. Europa muss (und will) mehr Verantwortung übernehmen und braucht dafür schnell verfügbare, im Gefecht erprobte Systeme.
AeroVironment Aktie Chart
Angriff und Abwehr aus einer Hand
Aerovironment ist dafür wie kaum ein zweiter Anbieter positioniert.
Die Switchblade-Kamikazedrohnen sind seit Jahren in der Ukraine im Einsatz, die Drohnenabwehr wurde mit dem neuen Rahmenvertrag um den Referenzkunden US-Armee gestärkt, und seit der 4,1 Mrd. USD schweren Übernahme des Rüstungstechnologie-Anbieters BlueHalo im Mai vergangenen Jahres gehören auch Laserwaffen, Satellitentechnik und elektronische Kampfführung zum Portfolio.
Damit deckt der Konzern beide Seiten des Drohnenkriegs ab – Angriff und Abwehr – und ist ein natürlicher Kandidat für Kooperationen mit europäischen Partnern, die eigene Kapazitäten sonst erst aufbauen müssten.
Um der absehbar steigenden Nachfrage gerecht zu werden, baut Aerovironment sein Werk in Salt Lake City bereits massiv aus. Die jährliche Fertigungskapazität für Switchblade-Systeme soll auf einen Auftragswert von über 2 Mrd. USD steigen.
Kleiner Einschub aus der Gerüchteküche: Es ist gut vorstellbar, dass Kunden künftig bevorzugt die margenstarken Switchblade 600er bestellen.
Wie zu hören ist, soll es den kleineren 300er-Drohnen gegenüber günstigeren Konkurrenzprodukten ein wenig an Überzeugungskraft fehlen. Der in Quartalsberichten oft erwähnte Produktmix könnte dadurch besser ausfallen und die Gewinnspanne mehr vergrößern als Analysten derzeit noch annehmen.
Aktie könnte nach Konsolidierung weiter anziehen
Die Kombination aus Rekordzahlen, Rekordaufträgen und politischem Rückenwind erklärt, warum sich die Aktie so schwungvoll nach oben gearbeitet hat. Die nächsten Wochen könnten zwar noch einmal holprig werden, denn nach gut 40% Kursplus in kurzer Zeit nähert sich die Aktie dem überkauften Bereich.
Rücksetzer gehören nach einem solchen Lauf jedoch dazu und sollten die investierten Anleger nicht nervös machen. Aktiengewinne verlaufen selten linear – und es ist nur schwer vorstellbar, dass wir den Tiefpunkt bei dieser Aktie nicht gesehen haben.
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