AeroVironment: Abgestürzt- nun neue Hoffnung?

AeroVironment übertrifft Erwartungen mit starkem Quartal, doch der Ausblick bleibt hinter den Prognosen der Analysten zurück.

Auf einen Blick:
  • Gewinn und Umsatz übertreffen Schätzungen
  • Aktie erholt sich nachbörslich um fast 12 Prozent
  • Bilanzfehler und Vertragsverlust belasten weiterhin
  • Ausblick für 2027 bleibt hinter Erwartungen zurück

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

dass eine Drohne für 10.000 Dollar einen Panzer für 30 Millionen Dollar ausschalten kann, lernt die Welt nicht erst seit dem Iran. In der Ukraine zerstören billige Quadrocopter seit Jahren russisches Gerät, das ein Vielfaches kostet. Der Krieg gegen den Iran hat diese Lektion bestätigt und um eine neue Dimension erweitert. Schahed-Drohnen legten die Straße von Hormuz zeitweise lahm, also den wichtigsten Umschlagplatz für Öl auf diesem Planeten. Die teuersten Waffensysteme der Welt standen machtlos vor billigem Fluggerät aus dezentraler Fertigung. Diese Verschiebung verändert gerade eine ganze Branche. Und sie trifft ausgerechnet jenes Unternehmen hart, das diese Revolution einst mit angeführt hat.

Warum der Drohnen-Boom die alte Ordnung zerlegt

Über Jahrzehnte beruhte die militärische Dominanz der USA auf einem einfachen Prinzip. Wer am meisten ausgibt, gewinnt. Ein F-22-Kampfjet kostet rund 150 Millionen Dollar. Ein Flugzeugträger der Ford-Klasse verschlingt 13 Milliarden. Doch in der Ukraine haben selbstgebaute Drohnen tausende russische Panzer zerstört und den Vormarsch zum jahrelangen Stillstand gebracht. Im Iran erlebte das Pentagon, dass es die dezentrale Produktion der Schahed-Drohnen nicht vollständig ausschalten konnte. Es gleicht dem Versuch, jede einzelne Fliege bei einem Sommerpicknick zu erwischen.

Die politische Antwort fiel drastisch aus. Das Budget der Defense Autonomous Warfare Group, kurz DAWG, soll von 225 Millionen Dollar im Haushaltsjahr 2026 auf 55 Milliarden Dollar im Jahr 2027 springen. Der vorgeschlagene Verteidigungsetat für 2027 liegt bei rund 1,5 Billionen Dollar, etwa 50 Prozent über dem Vorjahr. Marktbeobachter taxieren allein den US-Markt für günstigere Drohnen auf knapp 100 Milliarden Dollar pro Jahr. Zusätzlich wurde der chinesische Marktführer DJI mit über 70 Prozent Marktanteil aus dem nichtmilitärischen Geschäft verbannt. Das Signal an die amerikanische Industrie war eindeutig. Baut die Geräte selbst, anstatt sie zu importieren.

AeroVironment im Drohnen-Sektor: Der Pionier mit dem tiefen Fall

Inmitten dieses Goldrauschs steht ein Name, der die Geschichte der bewaffneten Drohne mitgeschrieben hat. AeroVironment, börsennotiert unter dem Kürzel AVAV, ging bereits 2007 an die Börse. Das Unternehmen war einer der ersten amerikanischen Zulieferer, der Hardware an die Front brachte. Seine Switchblade-Loitering-Munition half dabei, russische Panzer auszuschalten. Seine Raven- und Puma-Drohnen liefern Soldaten Echtzeitaufklärung. Wer eine Aktie sucht, die im wahrsten Sinne kampferprobt ist, landet zwangsläufig hier.

Doch die Kursentwicklung erzählt eine andere Geschichte. Im Oktober 2025 notierte die Aktie noch bei über 409 Dollar. Im regulären Handel am Montag schloss sie bei 139 Dollar. Auf Sicht von zwölf Monaten stand damit ein Minus von rund 50 Prozent zu Buche, im laufenden Kalenderjahr ein Rückgang von etwa 43 Prozent. Der Chart zeigt keinen einzelnen Einbruch, sondern einen massiven Kursrückgang über viele Monate, in mehreren Abwärtswellen seit dem Hoch. Der Markt um AeroVironment herum wächst kräftig, die Aktie des Pioniers ging trotzdem in die Knie.

Was hinter dem Kursrückgang steckt

Die Erklärung liegt nicht im Drohnen-Markt selbst, sondern in hausgemachten Problemen. Im Zentrum steht ein Vertrag mit dem Kürzel SCAR. Die Regierung stornierte einen Auftrag zur Lieferung von BADGER-Antennensystemen für dieses Programm. Als der Stopp verhängt wurde, notierte die Aktie noch über 392 Dollar. Hinzu kam am 22. Juni ein offengelegter Bilanzfehler bei der Abschreibung von Vermögenswerten. Vor dieser Mitteilung lag der Kurs noch über 150 Dollar. Mehrere Anwaltskanzleien haben daraufhin eine Sammelklage angestrengt. Sie wirft dem Unternehmen vor, das Risiko zusätzlicher Konkurrenz rund um SCAR zu spät offengelegt zu haben.

Analysten reagierten mit gekürzten Kurszielen. Ein Haus senkte sein Ziel von 293 auf 247 Dollar, ein anderes von 330 auf 205 Dollar, beide behielten aber die positive Einstufung bei. Die Botschaft dieser Marktteilnehmer lautet sinngemäß. Aufträge verschieben sich nach hinten, sie verschwinden aber nicht. Das durchschnittliche Kursziel auf Jahressicht liegt bei rund 286 Dollar und damit weit über dem zuletzt gehandelten Niveau.

Die Quartalszahlen liefern den Wendepunkt

Am Montag nach US-Börsenschluss legte AeroVironment dann seine Zahlen für das vierte Quartal und das volle Geschäftsjahr 2026 vor. Und sie fielen deutlich besser aus als befürchtet. Das Unternehmen meldete einen Gewinn je Aktie von 1,84 Dollar bei einem Umsatz von 642 Millionen Dollar. Erwartet hatten Marktteilnehmer lediglich 1,46 Dollar je Aktie und einen Erlös um 556 Millionen Dollar. Ein Jahr zuvor lag der Umsatz bei 275 Millionen Dollar, kurz vor dem Abschluss der großen Übernahme von BlueHalo. Der Sprung zeigt, wie sehr dieser Zukauf das Unternehmen verändert hat.

Die Reaktion war eindeutig. Die Aktie schoss nachbörslich um fast 12 Prozent nach oben, auf 155 Dollar. Nach Wochen aus verlorenem Vertrag, Bilanzkorrektur und Sammelklage genügte ein solides Quartal, um die angespannte Stimmung zu drehen. Der Vorstandschef sprach von einem Jahr des Wandels, das die größte Übernahme der Firmengeschichte und gezielte Investitionen in neue Felder umfasste. Er sieht das Unternehmen gut aufgestellt, um die wachsende Nachfrage bei tödlichen und nicht tödlichen Drohnen, bei der Drohnenabwehr und im Weltraumgeschäft zu bedienen.

Ein Wermutstropfen bleibt. Für das Geschäftsjahr 2027 erwartet das Unternehmen einen Gewinn je Aktie zwischen 3,02 und 3,34 Dollar bei einem Umsatz von 2,1 bis 2,2 Milliarden Dollar. Die Wall Street hatte mit 3,84 Dollar je Aktie gerechnet. Der Ausblick fällt also vorsichtiger aus als erhofft. In der ersten Reaktion zählte das jedoch wenig, denn die Erleichterung über das starke Quartal überwog deutlich.

Mehr als nur ein Drohnen-Hersteller

Ein Aspekt geht im Lärm um den Kursrückgang oft unter. AeroVironment baut nicht nur Drohnen, sondern auch Technik zu ihrer Abwehr. Dieses Geschäft wird so wichtig wie die Angriffsdrohnen selbst. Das Spektrum reicht von Radarstörung über Edge Computing, das gegnerische Drohnen von ihrer Satellitennavigation abschneidet, bis zu günstigen Abfangsystemen. Die Locust-Laser des Unternehmens, eine Waffe mit gerichteter Energie, kamen bereits im Iran zum Einsatz. Sie können von einem Schiff oder einem Lastwagen aus die Hülle einer anfliegenden Drohne durchbrennen.

Diese Doppelrolle verdient Beachtung. In einer Welt, in der jede Armee mit Schwärmen billiger Drohnen rechnen muss, steigt der Bedarf an Abwehr unaufhörlich. AeroVironment bedient beide Seiten der Gleichung. Das verschafft dem Unternehmen eine Position, die reine Drohnen-Start-ups so nicht vorweisen können. Junge Wettbewerber wie Red Cat oder die kürzlich börsennotierten Anbieter wachsen schnell, tragen aber das Risiko von Firmen, die ihren Umsatz gerade erst hochfahren.

Was Anleger jetzt abwägen müssen

Der gesamte Sektor profitiert von einem historischen Ausgabenschub. AeroVironment notiert trotzdem weit unter seinem Mehrjahreshoch, belastet von einem verlorenen Vertrag und einer Bilanzkorrektur. Das starke Quartal deutet darauf hin, dass der Markt die operative Lage zu pessimistisch eingeschätzt hatte. Der Gewinnsprung und der Umsatzschub durch BlueHalo zeigen ein Unternehmen, dessen Geschäft solide läuft, auch wenn der Aktienkurs anderes signalisierte.

Drei Punkte trüben das Bild. Die Sammelklage ist nicht vom Tisch. Der Ausblick für 2027 liegt unter den Erwartungen der Wall Street und verweist auf eine Erholung, die Zeit braucht. Und eine nachbörsliche Kursreaktion über Nacht sagt wenig über die Bewertung in sechs Monaten aus. Der Investorentag in der kommenden Woche dürfte mehr Klarheit über Margen und die Kommerzialisierung der Plattformen bringen. Bis dahin bleibt AeroVironment ein Unternehmen mit überzeugendem Produktportfolio, dessen Aktie den Beweis einer dauerhaften Trendwende noch schuldig ist.

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