Fast halbiert in zwölf Monaten — und das bei Rekordeinnahmen. Adobe steckt in einem seltenen Widerspruch: Das Unternehmen wächst, aber der Markt glaubt der Geschichte nicht mehr.
Am Mittwoch schloss die Aktie bei 170,96 Euro. Das ist gerade einmal 0,35 Prozent über dem 52-Wochen-Tief. Seit Jahresbeginn hat das Papier fast 40 Prozent verloren.
Rekordquartal, aber Strategiewechsel verunsichert
Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erzielte Adobe einen Rekordumsatz von 6,62 Milliarden Dollar — ein Plus von 12,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahlen übertrafen die Erwartungen der Analysten.
Trotzdem kündigte das Management einen grundlegenden Strategiewechsel an. Adobe will künftig gezielt Nutzer über kostenlose Versionen seiner Kernprodukte gewinnen — darunter Acrobat, Adobe Express und die Firefly-KI-Suite. Geplante Preiserhöhungen für Creative-Cloud-Abonnements verschiebt das Unternehmen. Das Ziel: Nutzerwachstum vor kurzfristiger Marge.
Für das Gesamtjahr 2026 erwartet Adobe einen Umsatz zwischen 26,5 und 26,6 Milliarden Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie soll zwischen 24,35 und 24,45 Dollar liegen.
KI wächst, Führung wackelt
Adobes KI-Geschäft zeigt echte Dynamik. Der annualisierte wiederkehrende Umsatz aus dem „AI-First“-Segment hat die Marke von 500 Millionen Dollar überschritten — dreimal so viel wie im Vorjahr. Allein der Firefly-Generator steuert rund 300 Millionen Dollar bei, ein Anstieg von 50 Prozent gegenüber dem Vorquartal.
Am 17. Juni erweiterte Adobe sein Portfolio um zwei neue Produkte: „Firefly Graph“ verbindet KI-Modelle von Adobe, Google und OpenAI visuell zu wiederverwendbaren Workflows. „GenStudio for Commerce Media Networks“ richtet sich an Enterprise-Kunden.
Allerdings befindet sich das Unternehmen mitten in einem Führungswechsel. CEO Shantanu Narayen hat seinen Rückzug angekündigt. CFO Dan Durn verlässt Adobe für einen Posten bei Marvell. Steven Day übernimmt das Finanzressort kommissarisch, während die Suche nach einem dauerhaften Nachfolger läuft.
Fed-Schock und technische Warnsignale
Den Kursrutsch am Mittwoch verstärkte die US-Notenbank. Die Fed ließ die Zinsen zwar unverändert, signalisierte aber mögliche Erhöhungen später im Jahr. Software-Aktien mit hohen Bewertungen reagierten besonders empfindlich — Adobe verlor an diesem Tag 5,3 Prozent.
Der RSI liegt bei 28,3 und zeigt damit überverkauftes Terrain an. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt beträgt mehr als 32 Prozent. Marktbeobachter sehen zwei strukturelle Risiken: die Gefahr, dass KI-Tools zur Massenware werden, und Margendruck durch das neue Freemium-Modell.
Für das dritte Quartal erwartet Adobe einen Umsatz zwischen 6,67 und 6,72 Milliarden Dollar. Ob der neue CEO bis dahin feststeht, bleibt offen — und dürfte die Unsicherheit über den künftigen Kurs vorerst nicht auflösen.
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