Ein juristischer Erfolg in den USA, Analysten mit ambitionierten Kurszielen und eine WM vor der Haustür — Adidas hat gerade einige Rückenwind-Faktoren auf seiner Seite. Reicht das für eine nachhaltige Erholung? Die Antwort ist komplizierter, als der jüngste Kursanstieg vermuten lässt.
Der 300-Millionen-Joker
Der US Supreme Court hat Adidas eine Zollrückerstattung von 300 Millionen US-Dollar zugesprochen. Das ist mehr als ein buchhalterischer Erfolg. In einer Phase des Umbaus verschafft dieser Liquiditätsschub dem Konzern echten Spielraum — für Investitionen, für Flexibilität, für Tempo.
Kein Wunder, dass die Aktie in den vergangenen 30 Tagen rund 17 Prozent zulegen konnte. Aktuell notiert das Papier bei 170,95 Euro, damit liegt es rund 12 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt und gut 7 Prozent über der 200-Tage-Linie. Der mittelfristige Aufwärtstrend ist technisch intakt. Der RSI von 63,4 signalisiert: gut gelaufen, aber noch nicht überhitzt.
Allerdings bleibt das große Bild nüchtern. Im Zwölf-Monats-Vergleich steht die Aktie mit minus 13 Prozent im Minus. Seit Jahresanfang ist das Plus mit knapp 1,5 Prozent kaum der Rede wert. Und zum 52-Wochen-Hoch bei 212,20 Euro fehlen noch fast 20 Prozent.
Was Analysten sagen — und warum es diesmal zählt
Die Einschätzungen der Bankhäuser fallen bemerkenswert optimistisch aus. Bernstein Research bewertet die Aktie mit „Outperform“ und einem Kursziel von 245 Euro — weit über dem Konsens. RBC sieht 210 Euro, UBS 219 Euro, Deutsche Bank Research 200 Euro. Der Durchschnitt der Kursziele liegt bei rund 200 Euro.
Das ist kein blindes Vertrauen. Hinter diesen Zahlen steckt die Wette auf CEO Bjørn Gulden und seine operative Trendwende. Und die hat einen konkreten Katalysator: die Fußball-WM 2026 in Nordamerika. Adidas rüstet dort 22 Nationalmannschaften aus und stellt den offiziellen Spielball. Solche Großereignisse sind für die Marke traditionell starke Treiber — für Abverkäufe, Sichtbarkeit und Markenstärke weltweit.
Die Richtung stimmt. Die Frage ist, ob die Zahlen mitziehen.
Die eigentliche Prüfung kommt im Juli
Hier wird es ernst. Die Q2-Ergebnisse, erwartet für Juli 2026, müssen zeigen, ob Adidas die Margen auch ohne Sondereffekte wie die Zollrückerstattung steigern kann. Der Liquiditätsschub aus den USA ist willkommen — aber er darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Kerngeschäft liefern muss.
Wer jetzt in Adidas investiert, setzt darauf, dass die operative Erholung real ist und nicht nur auf Einmaleffekten und WM-Euphorie basiert. Die Chancen überwiegen aus meiner Sicht — die technische Basis ist solide, der Analystenkonsens klar und der Großevent-Rückenwind greifbar. Aber der Juli wird zeigen, ob diese These trägt. Wer das Risiko scheut, wartet auf die Q2-Zahlen. Wer sie kennt, hat den besten Einstiegszeitpunkt womöglich schon verpasst.
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