Abivax hat starke Studiendaten geliefert, und trotzdem kippt die Stimmung. Der Grund liegt nicht in der Wirksamkeit von Obefazimod, sondern in Krebsfällen bei der höheren Dosis. Für mögliche Käufer verschiebt sich damit der Zeitplan.
Der Markt reagiert hart. Die Aktie schloss am Donnerstag bei 89,60 Euro. Auf Wochensicht steht ein Minus von 20,99 Prozent.
Krebsfälle bremsen die Übernahmefantasie
Monatelang galt Abivax als einer der heißesten Übernahmekandidaten im europäischen Biotech-Sektor. Die Erwartung war klar: Ein großer Pharmakonzern greift zu, bevor Abivax Obefazimod selbst auf den Markt bringt.
Diese Rechnung hat nun einen Haken. Stifel-Analyst Damien Choplain hält es für wahrscheinlicher, dass Abivax die vollständigen Daten im Oktober abwartet. Erst dann dürfte klarer werden, ob die Krebsfälle wirklich nicht mit der Behandlung zusammenhängen.
Auch potenzielle Käufer haben wenig Grund zur Eile. Ein Deal vor den vollständigen Daten wäre riskanter. Kein Wunder, dass der Markt die Übernahmefantasie neu bewertet.
In der Studie traten je ein Fall von Prostata- und Brustkrebs sowie eine Darmdysplasie auf. Abivax erklärte, die Prüfer hätten diese Fälle nicht mit der Therapie verbunden. Ein organspezifisches Muster sah das Unternehmen nicht.
Bei der höheren Dosis gab es vier Hautkrebsfälle. Zwei galten als nicht oder unwahrscheinlich behandlungsbedingt. In den beiden anderen Fällen bestand bereits eine frühere Hautkrebs-Anamnese.
Wirksamkeit bleibt der starke Teil der Story
Medizinisch liefert Obefazimod weiter ein klares Signal. In Woche 44 erreichten beide einmal täglich gegebenen Dosierungen den primären Endpunkt. Das ist der Teil, der die Aktie überhaupt erst zum Übernahmefall gemacht hatte.
Die placebobereinigten Remissionsraten lagen bei 39,3 Prozent für 25 Milligramm und 40,3 Prozent für 50 Milligramm. Das ist für Colitis ulcerosa klinisch relevant.
Absolut erreichten 50,8 Prozent der Patienten unter 25 Milligramm eine Remission. Unter 50 Milligramm waren es 51,3 Prozent. Placebo kam auf 10,4 Prozent, der p-Wert lag unter 0,0001.
Abivax hält daher an seinem regulatorischen Plan fest. Der Antrag auf Zulassung bei der FDA für Colitis ulcerosa soll im späten vierten Quartal 2026 kommen. Topline-Daten der Phase-2b-Induktionsstudie bei Morbus Crohn erwartet das Unternehmen Mitte 2027.
Analysten sind ungewöhnlich gespalten
Die Wall Street liest dieselben Daten sehr unterschiedlich. Genau das macht die Lage brisant: Die Wirksamkeit überzeugt viele Häuser, der Sicherheitsaspekt verhindert aber eine saubere Neubewertung.
- Citizens hob das Kursziel von 131 auf 187 Dollar und bleibt bei Outperform.
- Morgan Stanley senkte das Ziel von 145 auf 132 Dollar und bleibt bei Overweight.
- Wedbush stufte die Aktie von Underperform auf Neutral hoch, kappte das Ziel aber auf 90 Dollar.
- Wolfe Research reduzierte das Kursziel von 176 auf 136 Dollar und bleibt bei Outperform.
- Jefferies senkte das Votum von Buy auf Hold und verwies auf einen schwer abzuschüttelnden Überhang.
Stifel formuliert den Kernkonflikt am klarsten. Choplain sieht das Malignitätssignal nicht als Beleg für ein kausales Sicherheitsrisiko. Er wertet es eher als möglichen Überhang für die spätere Kennzeichnung des Medikaments.
Als Vergleich dient AbbVies Rinvoq. Das Mittel trägt in den USA eine Warnung zu Malignitäten. Trotzdem erzielte es 2025 einen Umsatz von 8,3 Milliarden Dollar.
Der Analystenkonsens bleibt trotz der Debatte breit positiv. Das durchschnittliche Kursziel liegt nahe 147 Dollar. Der Abstand zum aktuellen Kurs zeigt aber auch, wie viel Vertrauen der Markt bis Oktober zurückgewinnen müsste.
Bilanz verschafft Zeit
Finanziell steht Abivax nicht mit dem Rücken zur Wand. Zum 31. März 2026 verfügte das Unternehmen über 491,6 Millionen Euro an liquiden Mitteln und kurzfristigen Anlagen. Die Reichweite reicht nach aktueller Planung bis ins vierte Quartal 2027.
Das ist wichtig. Abivax muss nicht unmittelbar an den Kapitalmarkt zurück, um den FDA-Prozess und die Crohn-Studien weiterzuführen. Auch gegenüber möglichen Käufern stärkt diese Kasse die Verhandlungsposition.
Heute steht zudem eine Hauptversammlung samt außerordentlichem Teil an. Am 11. Mai hatten die Aktionäre bereits allen Vorschlägen des Boards zugestimmt. Dazu zählten der Abschluss 2025, die Vergütungspolitik und Finanzermächtigungen für den Verwaltungsrat.
Vom 52-Wochen-Hoch bei 130,80 Euro vom 12. Januar liegt die Aktie inzwischen 31,50 Prozent entfernt. Trotzdem beträgt das Plus über zwölf Monate noch 1.181,83 Prozent. Der Kursrückschlag ist damit heftig, aber er trifft auf eine zuvor extreme Neubewertung.
Der nächste harte Termin ist der vollständige Datensatz im Oktober. Bestätigt er die Einschätzung der Prüfer, könnte die Übernahmedebatte wieder Fahrt aufnehmen. Bleibt der Sicherheitsüberhang bestehen, dürfte Abivax erst über Zulassungspfad und Label Klarheit schaffen müssen.
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