ABB hat am 16. Juli 2026 die Zahlen zum zweiten Quartal vorgelegt – und gleichzeitig die größte Übernahme seit Jahren angekündigt. Der Auftragseingang kletterte auf 12,04 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr und ein Rekordwert für den Industriekonzern. Statt zu jubeln, reagierten Anleger jedoch verhalten: Die Aktie gab am Tag der Veröffentlichung rund 3 Prozent nach. Der Grund liegt weniger in den operativen Kennzahlen als in der zeitgleich bestätigten Milliardenübernahme des britischen Ventil- und Automatisierungsspezialisten Rotork.
Starkes operatives Geschäft
Die Geschäftszahlen selbst lassen wenig Raum für Kritik. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal auf 9,48 Milliarden US-Dollar, ein Zuwachs von 14 Prozent. Das operative EBITA legte um 20 Prozent auf 1,93 Milliarden US-Dollar zu, die operative Marge verbesserte sich auf 20,2 Prozent. Unter dem Strich blieb ein Konzerngewinn von 1,23 Milliarden US-Dollar, sieben Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Besonders bemerkenswert: Im Segment Rechenzentren verzeichnete ABB laut Bernstein ein dreistelliges Auftragswachstum – ein Beleg dafür, wie stark der Ausbau von Serverkapazitäten weltweit die Nachfrage nach Elektrifizierungslösungen treibt. ABB hob zudem die Jahresprognose für 2026 leicht an.
Rotork-Übernahme wirft Fragen zum Preis auf
Parallel zu den Quartalszahlen bestätigte ABB die geplante Übernahme von Rotork. Der Konzern zahlt 503 Pence je Aktie in bar, was einem Unternehmenswert von rund 5,5 Milliarden US-Dollar entspricht. Finanziert werden soll der Deal aus eigenen Barmitteln, bestehenden Kreditlinien sowie den Erlösen aus dem Verkauf der Robotics-Sparte. Der Abschluss der Transaktion ist für die erste Jahreshälfte 2027 vorgesehen.
Am Kapitalmarkt sorgte vor allem der Kaufpreis für Diskussionen. Bernstein bezeichnete die Akquisition als „teuer“, würdigte aber gleichzeitig das starke Auftragswachstum im Rechenzentrumsgeschäft und die angehobene Prognose. Die Zürcher Kantonalbank nannte den Preis „stolz“, sieht ihn jedoch angesichts der hohen operativen Margen von Rotork und der strategischen Aufwertung des Bereichs Electrification als gerechtfertigt an. Vontobel bewertet die Übernahme strategisch als sinnvoll, kritisiert aber die Bewertung von rund dem 19,5-fachen EBITDA als hoch. Morgan Stanley hatte bereits Anfang Juli sein „Hold“-Rating mit einem Kursziel von 85,00 Schweizer Franken bestätigt.
Robotics-Verkauf, Zukäufe und Rückkäufe als weitere Bausteine
Die Rotork-Übernahme steht nicht isoliert. Der Verkauf der ABB-Robotics-Sparte an SoftBank für netto 4,8 Milliarden US-Dollar steht kurz vor dem Abschluss und soll noch in der zweiten Jahreshälfte 2026 vollzogen werden – die Erlöse fließen direkt in die Finanzierung des britischen Zukaufs. Bereits am 15. Juli hatte ABB zudem den Erwerb des französischen Siliziumkarbid-Spezialisten Advantics bekanntgegeben, der das Gleichstromportfolio für industrielle Mikronetze und Elektromobilität stärken soll; dieser Abschluss ist für das vierte Quartal 2026 geplant. Anfang Juli setzte ABB zudem sein laufendes Aktienrückkaufprogramm fort und erwarb zwischen dem 2. und 8. Juli weitere 34.035 eigene Aktien, womit die Gesamtzahl der zurückgekauften Titel auf über 4,19 Millionen Stück stieg. Ergänzend meldete ABB Anfang Juli eine Kooperation mit Roche zur Entwicklung automatisierter Lösungen für das „Labor der Zukunft“.
Kursbild nach den Nachrichten
Die Häufung an Übernahmen, Verkäufen und Kapitalmaßnahmen hat die Aktie zuletzt belastet. Nach dem Schlusskurs von 84,94 Euro am Donnerstag steht ABB binnen sieben Handelstagen mit 6,41 Prozent im Minus. Vom 52-Wochen-Hoch bei 96,36 Euro, erreicht am 22. Juni 2026, trennen das Papier inzwischen 11,85 Prozent. Auf Jahressicht bleibt die Aktie mit einem Plus von 34,40 Prozent dennoch deutlich im positiven Bereich. Anleger richten den Blick nun auf die nächsten Quartalszahlen, die ABB für den 15. Oktober 2026 angekündigt hat – dann dürfte sich zeigen, ob sich der Rekordauftragseingang in nachhaltiges Wachstum übersetzen lässt und wie die Integration von Rotork voranschreitet.
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