462 Milliarden Gründe für Alphabet, und einer dagegen

Alphabet übertrifft mit Rekordumsatz und Gewinn alle Analystenschätzungen. Der Cloud-Auftragsbestand explodiert auf 462 Milliarden Dollar.

Auf einen Blick:
  • Umsatzsprung auf 109,9 Milliarden Dollar
  • Cloud-Auftragsbestand steigt auf 462 Milliarden
  • KI verbessert Suchgeschäft und senkt Kosten
  • Hohe Investitionen drücken freien Cashflow

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

ein Quartalsbericht liest sich selten wie eine Zusammenfassung aller guten Nachrichten auf einmal. Alphabets Zahlen für das erste Quartal 2026 kommen dem sehr nah. Umsatz, Gewinn, Wachstum, Marge, Auftragsbestand, alles übertraf die Erwartungen der Analysten. Und trotzdem stellt sich für Anleger eine unbequeme Frage: Was ist eine Aktie wert, die bereits alles Positive eingepreist hat?

Ein Quartal, das Maßstäbe setzt

Alphabet erzielte im ersten Quartal 2026 einen Konzernumsatz von 109,9 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Wachstum von 21,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Schätzungen der Analysten wurden dabei um rund 2,9 Milliarden Dollar übertroffen. Beim Gewinn je Aktie nach den in den USA üblichen GAAP-Bilanzierungsstandards kam der Konzern auf 5,11 Dollar. Auch das lag weit über den Erwartungen. Solche Zahlen wären für ein mittelgroßes Technologieunternehmen beachtlich. Bei einem Konzern dieser Größenordnung sind sie außergewöhnlich.

Besonders auffällig war die Entwicklung im Cloud-Geschäft. Das Segment Google Cloud überschritt erstmals in einem einzelnen Quartal die Umsatzmarke von 20 Milliarden Dollar. Das Wachstum gegenüber dem Vorjahr lag bei über 63 Prozent. Zum Vergleich: Sowohl Amazon Web Services als auch Microsofts Azure-Dienste wachsen nach wie vor schneller als Alphabet auf absoluter Basis, doch die Wachstumsdynamik bei Google Cloud hat sich in den vergangenen Quartalen spürbar beschleunigt.

Der Auftragsbestand als Schlüsselkennzahl

Die bemerkenswerteste Zahl des Quartals findet sich nicht in der Gewinn- und Verlustrechnung, sondern im Auftragsbestand. Er sprang von 240 Milliarden auf 462 Milliarden Dollar, ein Zuwachs von 222 Milliarden Dollar in nur drei Monaten. Ein Auftragsbestand bezeichnet die Summe aller bereits vertraglich vereinbarten, aber noch nicht abgerechneten künftigen Umsätze. Er gibt Auskunft darüber, wie viel Geschäft ein Unternehmen in der Zukunft bereits gesichert hat. Gemessen am aktuellen Cloud-Jahresumsatz von rund 80 Milliarden Dollar entspricht dieser Bestand fast sechs Jahren vorgesicherter Erlöse.

Das ist ein starkes Argument gegen die These, Alphabets milliardenschwere Investitionen in Rechenzentren und KI-Infrastruktur seien rein spekulativ. Der Konzern baut nicht auf Erwartungen, sondern auf bestehende Verträge. Und die operative Marge des Cloud-Segments unterstreicht das: Sie lag bei 32,9 Prozent und verbesserte sich damit um rund 3 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahreswert. Das ist umso bemerkenswerter, weil die Übernahme des Cybersicherheitsunternehmens Wiz die Cloud-Marge laut Unternehmensführung im laufenden Jahr noch spürbar belasten wird. Trotz dieser Belastung verbesserte sich die Profitabilität.

KI macht das Suchen profitabler

Eines der zentralen Gegenargumente für Alphabet-Aktionäre lautete in den vergangenen Jahren stets, dass generative Künstliche Intelligenz das Kerngeschäft beschädigen würde. Das Argument: Wenn Nutzer Antworten direkt von einem KI-System erhalten, brauchen sie keine klassischen Suchergebnisse mehr, und damit entfallen Klicks auf Werbeanzeigen. Die Quartalszahlen liefern dazu eine klare Antwort. Das Segment Suche und Werbung wuchs gegenüber dem Vorjahr um 19 Prozent. Die Unternehmensführung begründet das mit den neuen KI-gestützten Übersichtsseiten in der Google-Suche, die Nutzer häufiger auf die Plattform zurückbringen und damit mehr Werbemöglichkeiten schaffen.

Gleichzeitig sinken die internen Kosten. Seit dem Upgrade des hauseigenen Sprachmodells Gemini auf die neueste Version sind die Kosten pro KI-Anfrage um mehr als 30 Prozent gesunken. Das liegt unter anderem daran, dass Alphabet seine eigenen Spezialchips, sogenannte TPUs (Tensor Processing Units), einsetzt, anstatt auf die teuren Grafikkarten des Chip-Herstellers Nvidia zurückzugreifen. Dieser technologische Eigenentwicklungsansatz ist ein struktureller Kostenvorteil gegenüber Wettbewerbern, die vollständig auf externe Zulieferer angewiesen sind.

YouTube und Abonnements: ein unterschätztes Standbein

Viele Anleger reduzieren Alphabet gedanklich auf Google-Suche und Werbung. Dabei ist der Konzern längst deutlich breiter aufgestellt. YouTube erzielte im ersten Quartal allein mit Werbung einen Umsatz von 9,9 Milliarden Dollar, ein Plus von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dazu kommen Abo-Erlöse aus Diensten wie YouTube Premium und Google One in Höhe von 12,4 Milliarden Dollar, die um rund 19 Prozent zulegten. Die Gesamtzahl zahlender Abonnenten über alle Angebote des Konzerns liegt bei 350 Millionen. Damit betreibt Alphabet ein Abonnementgeschäft, das in seiner Größenordnung mit dem globalen Abonnentenstamm eines der weltgrößten Streamingdienste vergleichbar ist, als zusätzliche Einnahmequelle neben einem Werbegeschäft, das allein aus der Suche mehr als 80 Milliarden Dollar jährlich generiert.

Hinzu kommt die Tochtergesellschaft Waymo, die autonome Fahrdienste in den USA betreibt. Waymo schloss im Frühjahr eine Finanzierungsrunde über 16 Milliarden Dollar ab, nach der die Gesellschaft mit 126 Milliarden Dollar bewertet wurde. Derzeit absolviert das Unternehmen rund 500.000 bezahlte Fahrten pro Woche in zehn US-Städten. Bis Ende 2026 soll diese Zahl auf eine Million wöchentliche Fahrten steigen. Waymo taucht in den meisten Bewertungsmodellen kaum auf, obwohl der Wert erheblich ist.

Die Kehrseite: Hohe Investitionen und eine gestreckte Bewertung

So überzeugend die operativen Zahlen auch sind, der finanzielle Rahmen gibt Anlass zur Vorsicht. Alphabet hat seine Investitionsplanung für das Gesamtjahr 2026 auf 195 Milliarden Dollar angehoben. Allein im ersten Quartal flossen 35,7 Milliarden Dollar in Rechenzentren, Server und Infrastruktur. Die Finanzchefin des Konzerns signalisierte zudem, dass die Investitionen im Jahr 2027 nochmals deutlich steigen werden.

Solche Ausgaben drücken auf die freie Cashflow-Rendite. Gemeint ist damit der Anteil des erwirtschafteten Geldes, der nach Abzug aller Investitionen übrig bleibt und beispielsweise für Aktienrückkäufe oder Dividenden genutzt werden kann. Sie liegt derzeit bei 1,4 Prozent, dem niedrigsten Stand seit dem Jahr 2007. Das ist ein Signal, das Anleger nicht ignorieren sollten.

Ebenso nimmt der Wettbewerb im Bereich der großen Sprachmodelle zu. Alphabet hält nach Unternehmensangaben mit seiner Gemini-Plattform im Unternehmensbereich gut mit. Aber ein technologischer Vorsprung ist kein dauerhafter Zustand in einem Feld, in dem Konkurrenten mit enormen Ressourcen forschen.

Bewertung: Gut, aber nicht mehr günstig

Alphabet ist ein hervorragendes Unternehmen. Aber die Bewertung ist gestiegen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt nach Nicht-GAAP-Standards bei rund 30. Historisch betrachtet wurde die Aktie über die vergangenen fünf Jahre mit einem Wert von etwa 21 bewertet. Das aktuelle Niveau liegt rund 40 Prozent darüber. Im Vergleich zu anderen großen Technologieunternehmen fällt die Einordnung ähnlich aus. Meta kommt auf ein KGV von rund 20, Microsoft auf gut 26. Auch auf Basis der für das nächste Jahr erwarteten Gewinne liegt Alphabet mit einem vorausschauenden KGV von knapp 28 nicht günstig.

Das bedeutet nicht, dass die Aktie fallen muss. Es bedeutet, dass der Markt bereits sehr viel Positives eingepreist hat. Wer heute einsteigt, setzt darauf, dass die guten Ergebnisse sich nicht nur fortsetzen, sondern weiter steigern. Das ist möglich. Ein Kauf zu einem Schnäppchenpreis ist es nicht.

Fazit: Starkes Unternehmen, fairer Preis

Das erste Quartal 2026 hat gezeigt, dass Alphabet die zentralen Kritikpunkte der vergangenen Jahre operativ entkräftet hat. Das Cloud-Geschäft wächst schnell und mit steigenden Margen, die Suche profitiert von KI anstatt darunter zu leiden, und der Auftragsbestand von 462 Milliarden Dollar zeigt, dass die milliardenschweren Investitionen nicht ohne Fundament sind. Gleichzeitig spiegelt die Bewertung diese guten Aussichten vollständig wider.

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