3M: Amazon setzt auf den Post-it-Erfinder

3M meldet Wachstum im dritten Quartal und hebt die Gewinnprognose für 2026 an; Amazons Aktienoptionen sind an Produktkäufe gebunden.

Auf einen Blick:
  • Amazon erhält Optionen auf 3M-Aktien
  • Optionen hängen von Produktkäufen ab
  • Rechenzentrumserlöse sollen 700 Millionen Dollar erreichen
  • 3M erhöht Gewinnprognose für 2026

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Amazon kauft sich bei einem Konzern ein, den viele Anleger mit Klebezetteln verbinden. Mitte Oktober hatte 3M eine erweiterte Partnerschaft mit dem Cloud-Riesen bekannt gegeben. Im Kern geht es um optische Verbindungstechnik für KI-Rechenzentren. Amazon erhält dafür Optionsrechte auf bis zu 3,16 Millionen 3M-Aktien.

Die Meldung hat Gewicht. Der traditionsreiche Mischkonzern aus Minnesota hatte jahrelang mit Rechtsstreitigkeiten, schrumpfenden Umsätzen und einem Börsenimage als Problemfall zu kämpfen. Nun klopfen die größten Technologiekonzerne der Welt an die Tür. Für Anleger lohnt deshalb ein genauer Blick auf die Frage, wie tragfähig diese Wende ist.

Der Amazon-Deal und seine Bedingungen

Die Konstruktion der Vereinbarung ist aufschlussreich. Amazon erhält einen sogenannten Warrant, also das Recht, über sieben Jahre hinweg Aktien zu einem festgelegten Preis zu kaufen. Dieses Recht entsteht allerdings nicht automatisch. Rund 85 Prozent der Optionen werden erst schrittweise wirksam, wenn Amazon tatsächlich Produkte abnimmt. Die volle Zuteilung dieses Anteils setzt kumulierte Zahlungen von sechs Milliarden Dollar für optische Verbindungen und andere Rechenzentrumsprodukte voraus. Der Rest hängt an weiteren vertraglichen Meilensteinen.

Für 3M ist das ein vorteilhafter Tausch. Die Optionen entsprechen nur etwa 0,6 Prozent der ausstehenden Aktien. Laufende Aktienrückkäufe dürften diesen Verwässerungseffekt weitgehend ausgleichen. Gleichzeitig bindet sich ein Großkunde mit erheblichem Einkaufsvolumen an den Konzern.

Amazon nutzt dieses Modell nicht zum ersten Mal. Ähnliche Vereinbarungen gibt es bereits mit Zulieferern wie Qualcomm und Generac. Solche Konstruktionen verbinden Einkaufsinteressen mit einer Beteiligung am Erfolg des Lieferanten. Marktbeobachter werten das als Zeichen, dass Amazon langfristig plant.

Expanded Beam Optics: Die Technologie hinter der 3M Aktie

Der Schlüssel liegt in einer Technik namens Expanded Beam Optics, kurz EBO. In KI-Rechenzentren verbinden Tausende Glasfaserkabel die Server und Netzwerkkomponenten miteinander. Herkömmliche Steckverbindungen reagieren empfindlich auf Staub und minimale Ungenauigkeiten. 3M weitet den Lichtstrahl an der Kontaktstelle auf. Dadurch wird die Verbindung robuster und leichter zu handhaben.

Microsoft hat diese Technologie bereits im Juli als erster Hyperscaler für seine KI-Rechenzentren übernommen. Mit Amazon folgt nun der zweite große Cloud-Anbieter. Um die Produktion hochzufahren, kooperiert 3M zudem mit dem taiwanischen Optikspezialisten Genius Electronic Optical. Der Konzern erwirbt dafür rund 4,7 Prozent der Anteile des Partners.

Für das laufende Jahr erwartet das Management im Rechenzentrumsgeschäft Erlöse von etwa 700 Millionen Dollar. Das entspricht einem Plus von gut 27 Prozent. Gemessen am Gesamtumsatz ist das noch ein kleiner Baustein. Die Wachstumsrate liegt jedoch weit über allem, was der Konzern in anderen Bereichen erreicht.

Solide Zahlen im dritten Quartal

Die Quartalszahlen vom 20. Oktober stützen das Bild einer Erholung. Der bereinigte Umsatz erreichte 6,6 Milliarden Dollar. Organisch, also ohne Zukäufe und Währungseffekte, wuchs 3M um 3,3 Prozent. Die bereinigte operative Marge stieg um 1,1 Prozentpunkte auf 26,2 Prozent. Der bereinigte Gewinn je Aktie kletterte um zwölf Prozent auf 2,50 Dollar.

Treiber war vor allem das Segment Sicherheit und Industrie mit einem Plus von sieben Prozent. Das Konsumgütergeschäft schwächelte dagegen leicht. Auch die Elektroniksparte leidet unter der Knappheit bei Speicherchips. 3M konzentriert sich dort allerdings zu rund 70 Prozent auf Hersteller von Premiumgeräten. Diese Kunden zeigen sich weniger anfällig für Nachfrageschwankungen.

Ein weiterer Hebel sind neue Produkte. Gemeint sind Produkte, die in den vergangenen fünf Jahren auf den Markt kamen. Ihr Umsatz stieg seit Jahresbeginn um 34 Prozent auf knapp drei Milliarden Dollar. Dazu zählen Spezialfolien und Wärmedämmung für Raumfahrzeuge und Solarmodule im All sowie Lösungen für Rüstungs- und Zivilluftfahrt.

Prognose angehoben, Margenziel in Reichweite

Das Management hat die Gewinnprognose für 2026 erneut erhöht. Erwartet wird nun ein bereinigter Gewinn je Aktie zwischen 9,10 und 9,15 Dollar. Das organische Wachstum soll über 3,5 Prozent liegen. Den freien Mittelzufluss beziffert 3M auf rund 4,8 Milliarden Dollar.

Besonders kräftig entwickelt sich die Bruttomarge. Sie stieg im dritten Quartal auf 42,2 Prozent, nach 39,8 Prozent im Gesamtjahr 2025. Langfristig peilt der Vorstand Werte im hohen 40-Prozent-Bereich an. Preiserhöhungen seit Mai helfen, höhere Kosten durch den Ölpreis aufzufangen. Diese Belastung beziffert das Unternehmen auf rund 185 Millionen Dollar im laufenden Jahr.

Das Ziel einer operativen Marge von etwa 25 Prozent bis 2027 hat 3M in den ersten neun Monaten bereits erreicht. Aus der Konzernspitze kommen Signale, sämtliche Ziele des Investorentags übertreffen zu wollen. Analysten rechnen bis 2028 mit jährlich 4,5 Prozent Umsatzwachstum und rund zehn Prozent beim Gewinn.

Erhöhte Bewertung

Der Markt hat diese Wende bereits honoriert. Auf Basis der erwarteten Gewinne liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei rund 19,4. Im Fünfjahresschnitt waren es knapp 15,6. Damit bewegt sich die Aktie etwa auf dem Niveau des Branchendurchschnitts. Ein Schnäppchen ist 3M auf dieser Basis nicht mehr.

Der Aufschlag hat allerdings Gründe. In den vergangenen fünf Jahren schrumpfte der Umsatz im Schnitt um 5,5 Prozent pro Jahr. Auch der Gewinn je Aktie ging zurück. Nun erwarten Analysten wieder Wachstum auf breiter Front. Diesen Wechsel vom schrumpfenden Sanierungsfall zum wachsenden Industriewert bezahlt der Markt mit einer höheren Bewertung. Im Vergleich mit Konkurrenten wie Honeywell oder DuPont erscheint die Aktie allerdings fair und nicht günstig bewertet.

Hinzu kommen bekannte Belastungen. Die Rechtsrisiken rund um PFAS, die sogenannten Ewigkeitschemikalien, sind nicht vollständig ausgestanden. Die Nettoverschuldung stieg zuletzt auf 9,84 Milliarden Dollar, auch wegen der Übernahme von Madison Fire & Rescue. Bis zur Vorlage der Jahreszahlen im Januar 2027 fehlen zudem neue Impulse. Erst dann folgt der offizielle Ausblick auf das kommende Jahr.

Auf der anderen Seite steht ein solides Fundament für Aktionäre. Der freie Cashflow deckt die Dividende komfortabel. Seit 2019 hat 3M rund 10,6 Prozent der eigenen Aktien zurückgekauft. Nach der Dividendenkürzung im Jahr 2024 wurde die Ausschüttung zuletzt wieder um 6,8 Prozent angehoben.

Ein Industriekonzern erfindet sich neu

Die Partnerschaft mit Amazon belegt, dass 3M seine Materialkompetenz in Wachstumsmärkte übertragen kann. Rechenzentren, Raumfahrt und Luftfahrt bieten dem Konzern Perspektiven, die vor wenigen Jahren kaum jemand auf dem Zettel hatte. Wer 3M nur mit Post-its verbindet, unterschätzt den Wandel. Die faire Bewertung verlangt allerdings Geduld. Entscheidend wird sein, ob die Sechs-Milliarden-Schwelle bei Amazon in den kommenden Jahren sichtbar näher rückt. Dann wird aus der Wende eine echte Wachstumsgeschichte.

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