x
Finanztrends App Icon
Finanztrends App Kostenlos herunterladen! Jetzt bei Google Play

Mensch und Maschine Software SE: Adi Drotleff im Interview, über Fachkräftemangel und die aktuelle Anlegersituation

Adi Drotleff von Mensch und Maschine Software SE im Interview mit Börsenradio.de. Es geht unter anderem um den Fachkräftemangel und die Rückverlagerung der Industrie.

Auf einen Blick:
  • Adi Drotleff im Vorstandsinterview von Börsenradio.de
  • Der CAD/CAM/BIM-Spezialist Mensch Und Maschine Software SE möchte von der Rückverlagerung in der Industrie profitieren und begegnet dem Fachkräftemagel ganz aktiv
  • "Wenn wir in einem Bereich immer noch einen Fachkräftemangel haben, dann heißt es faktisch, dass die Nachfrage bei uns größer ist als das Angebot und wir beim Preis am längeren Hebel sitzen"

Die Börsen Radio Network AG hat in einem Interview mit dem Gründer und Verwaltungsratsvorsitzenden der Mensch Und Maschine Software SE gesprochen. Dabei hat Adi Drotleff einen interessanten Einblick in die aktuelle Fachkräfte- und Anlegersituation gegeben.

Adi Drotleff: Mein Name ist Adi Drotleff. Ich bin Verwaltungsratsvorsitzender der Mensch Maschine Software SE.

Sebastian Leben B.A.: Wir treffen uns auf der Rüttnauer IR-Fahrt 2022. Es ist September, sage ich jetzt mal als Zeitstempel, als Setting. Und die großen Themen sind Inflation, Angst vor Rezession, aber auch vor der Energiekrise. Bei Ihnen sieht es ja trotzdem sehr gut aus. Wir haben vor nicht allzu langer Zeit über Ihre Zahlen gesprochen.

Es geht bei Ihnen um CAD/CAM-, BIM-Software. Technische Software, will ich mal sagen, typischerweise oft im Baubereich. Und gerade die Branche, die hat jetzt aufgrund der Zinsanhebung plötzlich einen Ruf, dass dort ein trübes Bild gemalt werden könnte. Es heißt ganz häufig, der Bauboom sei vorbei. “Das Immobilien-Ende”, “Ende des Immobilienhypes” usw. Aber Sie sind keine Baufirma, das will ich jetzt auch gleich mal dazu sagen.

Aber der Bau ist ja doch ein wichtiges Segment für Sie, da Sie dort viele Kunden haben. Deshalb würde ich die Frage mal so stellen: Sehen Sie in der Branche irgendwas an Wandel? Sehen Sie da irgendwas, was man als Ende des Baubooms bezeichnen könnte?

Adi Drotleff: Also was heißt Ende? Es wird ein Ende der Überhitzung geben, das ist ganz klar. Aber wir leben nicht vom Bauboom, sondern wir leben im Baubereich. Bei gewissen Themen wie zum Beispiel BIM, merkt man nicht, dass unsere Kunden zurückhaltender werden. Also BIM ist ja nichts anderes als die Planung und Verwaltung aller Gewerke in einer Datenbank. Hier sehen wir jetzt nicht unbedingt, dass unsere Kunden deswegen nicht investieren wollen. Sondern ganz im Gegenteil, so etwas wird sogar leichter in Angriff genommen, wenn gerade nicht ganz so viel los ist und man nur mit Abarbeiten von Aufträgen beschäftigt ist.

Oder nehmen Sie unsere Brücken-Berechnungssoftware. Da ist es so, dass wenn Kapazitäten in der Baubranche frei werden, dass wir dann ein riesen Rückstau in dem ganzen Infrastrukturbereich mit Brücken, Tunnel usw. haben. Wir profitieren jetzt schon von der Deutschen Bahn und der Autobahngesellschaft. Also wir profitieren davon, dass hier Umschichtungen stattgefunden haben und dass die Brücken endlich saniert und neu gebaut werden. Davon profitieren wir übrigens alle.

Sebastian Leben B.A.: Ja, hoffen wir, dass das dann auch so passiert. Geredet und geplant wird immer viel. Wie viel umgesetzt wird, bleibt immer zu sehen.

Der andere Bereich, ist ein schnellerer Bereich, würde ich mal sagen, nämlich die Industrie.

Allerdings ist da die Frage: Wie geht es den Kunden? All die Themen, die ich besprochen habe, die betreffen vielleicht nicht Sie direkt, aber ihre Kunden könnten sie dann doch betreffen. Auf der anderen Seite ist Ihr Produkt vermutlich dann eins, das einem Spardiktat nicht zum Opfer fallen würde. Sehe ich das richtig?

Adi Drotleff: Ja, das muss man auch ein bisschen differenzierter sehen. Man sieht ja auch im Moment schon, dass die Zahlen aus der Industrie und auch aus der Konjunktur nicht unbedingt dem folgen, was die Politiker so daherreden. Also wir bemerken zum Beispiel in unserem Hauptbereich, CAM wo wir eben die NC-Codes für Werkzeugmaschinen mit unserer Software herstellen, dass es hier sehr, sehr gut läuft. Also auch da gilt natürlich, dass der Kunde in ruhigeren Zeiten eher in die Optimierung seiner Prozesse investiert.

Und dann kommt noch etwas hinzu, was uns langfristig sogar sehr in die Karten spielen wird. Nämlich, dass die Industrie jetzt gerade verstanden hat, dass diese sogenannten verlängerten Werkbänke in Billiglohnländer oder nach China gewisse Risiken in sich tragen. Das heißt, man denkt über Rückverlagerung nach. Und bei einer Rückverlagerung nach Deutschland oder westeuropäische Länder ist ja das wichtigste, dass man mit hoher Effizienz rück verlagert. Und das sind genau unsere Produkte und unsere Lösungen. Das ist auf jeden Fall etwas, was uns langfristig auch zugutekommen wird.

Sebastian Leben B.A.: Das heißt, Sie werden dann, ich erfinde den Begriff jetzt einfach mal, ein “Deglobalisierungsgewinner”?

Adi Drotleff: Also “Deglobalisierung” finde ich ein bisschen stark als Ausdruck, aber es stimmt schon. Es ist nur in Wirklichkeit keine “Deglobalisierung”, sondern ich würde es eine Korrektur einer überzogenen Globalisierung nennen. Man hat einfach zu viel gemacht, man hat sich in zu große Abhängigkeiten begeben und hat gemerkt, dass es in qualitativer Hinsicht schwierig ist.

Es ist im Bezug auf die Lieferketten schwierig. Aber auch bei Transportwegen, haben wir ökologische Gründe, die dafürsprechen. Also es gibt eine Menge Gründe, hier über Rückverlagerung nachzudenken. Und das ist natürlich auch kein schneller Prozess, sondern das wird uns wieder Jahre lang begleiten.

Sebastian Leben B.A.: Wo kommen Sie da zum Einsatz? Es ist natürlich immer ein bisschen schwierig, dass alles in so einem kurzen Interview zu erklären. Aber ich glaube, bei so einer Veranstaltung wie hier, ist das mal eine ganz gute Gelegenheit, so etwas zu erklären.

Sie bringen auch zweimal im Jahr ein Magazin heraus: “Mensch und Maschine Magazin”. Dort werden dann reale Projekte nähergebracht. So was ähnliches können wir auch hier einmal besprechen. Vielleicht können wir sogar gerade das als Beispiel nehmen. Es geht bei Ihnen oft, um den “digitalen Zwilling”. Vielleicht können wir ja mal so eine Idee durchgehen.

Ein Konzern möchte seine Lieferketten, seine Lagerhallen, seine Produktionshallen, seine Produktion aus Asien wieder rückverlegen nach Westeuropa. Wo kommen Sie dann zum Einsatz oder wo können Sie dabei helfen?

Adi Drotleff: Zum Beispiel beim “digitalen Zwilling” der Fabrik. Also wir nennen es digitale Fabrik. Da geht es einfach darum, dass man letztlich das Knowhow, was in den Köpfen der Mitarbeiter ist, in die Datenbank bringt und damit eben nichts so schnell verliert. Und auch wenn man auf alle Daten zugreifen kann, und zwar von überall, von allen Fachabteilungen, dann ist natürlich eine viel bessere Entscheidungsgrundlage und eine viel größere Effizienz da.

Oder ein anderes Beispiel, wir haben eine Software für die Variantenkonstruktion, auch eine sehr häufige Anwendung. Wenn eine Firma das immer gleiche in verschiedenen Varianten konstruiert, dann kann man natürlich die Effizienz sehr verbessern, indem man mathematisch von der Beschreibung her, alle Varianten in einer Software beschreibt. Und dann eben, den Vorgang automatisiert, sodass der Kunde sich einfach die Variante oder die Varianten, die benötigt werden, aussucht.

Das wird dann am Web sofort simuliert. Und wenn der Kunde sagt: So will ich es haben, dann wird auf einen Knopf gedrückt und es kommt nicht nur ein Angebot heraus, sondern es kommen alle Positionsdaten automatisch hinten raus und es kann sofort mit der Produktion begonnen werden.

Sebastian Leben B.A.: Okay, aber das heißt, Sie profitieren im Prinzip davon, wenn die Lage sich etwas anspannt und die Kunden sich verbessern wollen. Das haben Sie ja gerade beschrieben. Genauso umgekehrt, wenn es gut läuft, dann profitieren sie natürlich auch. Das heißt Konjunktur, Rezession usw. ist für Sie vielleicht gar nicht das größte Thema. Die Inflation hatten wir angesprochen. Energie okay, Energiepreise treffen alle, aber sie haben jetzt ja beispielsweise keine Lieferketten oder so etwas, die unterbrochen sein können. Da können wir also auch nicht drüber diskutieren.

Aber ein Thema habe ich, das Sie auf jeden Fall betrifft, und das ist der Fachkräftemangel. Natürlich brauchen auch Sie gute, qualifizierte Mitarbeiter. Wie sieht es denn aus, mit dem Nachwuchs? Das ist aktuell ja wirklich ein Riesen Thema für alle. Und Entlassungen drohen wahrscheinlich nicht mal bei Firmen, die Effizienz Programme durchsetzen wollen. Denn, wer gute Mitarbeiter entlässt, der sieht die bald bei der Konkurrenz.

Adi Drotleff: Das ist das, was man in der Presse lesen kann. Was wir beobachten ist, dass wir seit ungefähr sechs Monaten, besser an Fachkräfte herankommen. Und dass in Bereichen, wo es lange nicht möglich war. Deshalb haben wir uns natürlich jetzt auch ein bisschen “eingedeckt”.

Auf der anderen Seite ist es so, dass wir bei unserem Geschäftsmodell darauf achten, dass wir eben nicht zu viel Dienstleistung haben. Es kommt dann noch dazu, dass wir dem Fachkräftemangel auch ganz aktiv begegnen, und zwar schon lange, indem wir ausbilden, indem wir quer qualifizieren können, also auch Quereinsteiger zum Beispiel im Vertrieb einstellen und dann hoch qualifizieren. Wir haben an fast allen Standorten Kooperationen mit lokalen Unis und Fachhochschulen usw. also man kann sehr viel dagegen tun.

Und am Schluss ist es auch so, wenn wir in einem Bereich, was natürlich vorkommt, immer noch Fachkräftemangel haben, dann heißt es ja faktisch, dass die Nachfrage bei uns größer ist als das Angebot. Dann sitzen wir am längeren Hebel beim Preis. Das ist ja auch nicht das Schlechteste.

Sebastian Leben B.A.: Über die Halbjahreszahlen haben wir ja schon miteinander gesprochen. Da hatte ich ja gesagt, dass wir alte Zahlen jetzt gar nicht mehr aufzuwärmen müssen. Das Einzige, was vielleicht noch wichtig ist, ist die Prognose. Der Ausblick, der wurde bestätigt. Nettogewinn 144 bis 150 Cent je Aktie, wären 14 bis 19 % plus. Dividende von 135 bis 140 Cent. 120 Cent waren es vor einem Jahr.

Und der interessante Satz: “Aus heutiger Sicht scheinen sogar Ergebnisse am oberen Rand der Bandbreite erreichbar.” So haben Sie es mir gesagt. Jetzt sind wir ja ungefähr sechs Wochen später. Wie sieht es aus? Wie läuft’s? Sind Sie schon bereit, die Prognose anzuheben?

Adi Drotleff: Das werden wir voraussichtlich nicht tun, sondern wir werden die Prognose vermutlich diesmal am oberen Rand treffen. Wir stellen uns natürlich auch trotz all dem was wir gerade besprochen haben, darauf ein, dass wir jetzt nicht die Kosten beliebig hochtreiben.

Das Jahr 2023 könnte ja ein bisschen schwieriger werden, das heißt, da kann es ein bisschen flacher werden. Aber uns kommt es ja auch sehr darauf an, dass wir nachhaltig auch bei den Ergebnissen sind. Dafür ist MuM seit vielen, vielen Jahren bekannt. Dass wir im positiven Sinn, ein bisschen langweilige Zahlen produzieren.

Sebastian Leben B.A.: Wir treffen uns auf der Rüttnauer IR-Fahrt. Wofür Sie da auch seit vielen Jahren bekannt sind, ist eigentlich, dass Sie in dem Performance-Spiel ganz häufig vorne mit dabei sind. Das war jetzt diesmal nicht so.

Sie haben vorhin in Ihrem Vortrag gesagt: “Das haben wir natürlich extra gemacht!” Mit Augenzwinkern. Wir haben beim letzten Mal auch über die Aktie gesprochen. In unserem letzten Interview, da hatten sie gesagt: “Die MuM nutzt den niedrigen Stand, um eigene Aktien einzukaufen”. Sie selbst haben auch gekauft. Jetzt ist der Kurs ja nochmal ein bisschen niedriger, ein paar Wochen später. Das heißt, kaufen Sie bald wieder nach oder wie sieht es aus?

Adi Drotleff: MuM kauft laufend nach. Man muss ja sehen, dass wenn man, eine Dividende von 135 bis 140 Cent unterstellt und sie mit den heutigen Kursen vergleicht. Dann hat man ja schon eine Anfangsdividende in der Nähe von 3 %, also 2,8 % ungefähr.

Da ist es aus unserer Sicht natürlich so, dass wir eine Menge Dividendenrendite einsparen. Und aus Sicht des Kunden ist es halt so, dass solche Zeiten wie sie jetzt sind, halt Zeiten sind wo man auch gut antizyklisch kaufen kann. Man muss ein bisschen Mut haben, aber wenn man den Mut nicht hat, sollte man hinterher nicht schimpfen.

Sebastian Leben B.A.: Das ist doch ein schönes Schlusswort. Dann sage ich soweit vielen Dank und bis zum nächsten Mal.

Adi Drotleff: Ja, vielen Dank.

Das Interview wurde im Original von der Börsenradio Network AG von Redakteur Sebastian Leben B.A. geführt.

Disclaimer

Die auf finanztrends.de angebotenen Beiträge dienen ausschließlich der Information. Die hier angebotenen Beiträge stellen zu keinem Zeitpunkt eine Kauf- beziehungsweise Verkaufsempfehlung dar. Sie sind nicht als Zusicherung von Kursentwicklungen der genannten Finanzinstrumente oder als Handlungsaufforderung zu verstehen. Der Erwerb von Wertpapieren ist risikoreich und birgt Risiken, die den Totalverlust des eingesetzten Kapitals bewirken können. Die auf finanztrends.de veröffentlichen Informationen ersetzen keine, auf individuelle Bedürfnisse ausgerichtete, fachkundige Anlageberatung. Es wird keinerlei Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit, Angemessenheit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen sowie für Vermögensschäden übernommen. finanztrends.de hat auf die veröffentlichten Inhalte keinen Einfluss und vor Veröffentlichung sämtlicher Beiträge keine Kenntnis über Inhalt und Gegenstand dieser. Die Veröffentlichung der namentlich gekennzeichneten Beiträge erfolgt eigenverantwortlich durch Gastkommentatoren, Nachrichtenagenturen o.ä. Demzufolge kann bezüglich der Inhalte der Beiträge nicht von Anlageinteressen von finanztrends.de und/ oder seinen Mitarbeitern oder Organen zu sprechen sein. Die Gastkommentatoren, Nachrichtenagenturen usw. gehören nicht der Redaktion von finanztrends.de an. Ihre Meinungen spiegeln nicht die Meinungen und Auffassungen von finanztrends.de und deren Mitarbeitern wider. (Ausführlicher Disclaimer)