Brexit im Vollzug – Ist England der neue kranke Mann?

Die Nachrichtenlage über das Vereinigte Königreich ist diffus. Der Austritt aus der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bezeugt, dass sich die britische Insel auch nach 47 Jahren noch nicht als Teil Europas sieht. Galt im Kaiserreich das vereinigte Königreich noch als enger Partner, eng verbandelt über die Verwandtschaft der Monarchen, so betrachtete der englische Löwe den Kontinent doch stets mit Skepsis.

So muss das Königreich traditionell stets dann auf dem Kontinent eingreifen, wenn sich dort ein drohendes Ungleichgewicht ausbreitet. Dies war im 19. Jahrhundert bei Waterloo genauso der Fall wie im 20. Jahrhundert in der Normandie. Gleichgewicht und Balance sind Markpunkte der britischen Politik. So verwundert es nicht, dass England den Kontinent einmal mehr mit Skepsis betrachtet, als ein erneutes Ungleichgewicht droht.

Längst werden in Europa Kämpfe nicht mehr auf dem Schlachtfeld ausgetragen.

Vieles spricht dafür, dass im Zeitalter der Ökonomie ein wirtschaftliches Masternarrativ das politisch-militärische verdrängt hat. Dementsprechend werden Kriege nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern in den M&A-Kanzleien, auf den Börsenparketten, und über Finanznachrichtendienste entschieden.

Da wir keine echten Kriege mehr führen, beginnen wir auch zunehmend, alltägliche Ereignisse mit Krieg zu vergleichen. Als der griechische Staat 2012 finanziell am Ende erschien, da wurde Deutschland nicht etwa ein finanzieller Vorteil vorgeworfen, nein, es wurde von Eroberung gesprochen. Als die Kolonnen von Blackstone und dem IMF durch Athen fuhren, fühlte sich der griechische Staat als Protektorat, das keine eigene Mitbestimmung mehr führt.

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Diese Sorge teilen auch viele osteuropäische Mitglieder der Europäischen Union. Die Skepsis gegenüber Brüssel ist auch immer eine Skepsis gegenüber Berlin. Deutsche Bevormundung durch die wirtschaftliche Hintertür – das möchte man nicht.

Und niemand möchte es weniger als die freiheitsliebende und individualistische, britische Oberschicht. Als Boris Johnson in Oxford studierte, gab es noch keine Fülle an chinesischen und deutschen Namen an jeder Bürotür[1]. Heute ist das der Fall. Die Globalisierung und Europäisierung hat zugeschlagen. In der Migrationskrise 2015/16 haben sich Vorurteile und Frustration aus England, großteils kultiviert seit Margaret Thatcher, in zwei Themen entladen:

Migration und Unabhängigkeit[2]. Je nachdem welcher Umfrage man folgt, ist die Migrationskrise der wichtigste oder zweitwichtigste Punkt für die Brexiteers, um die EU zu verlassen. Deutschlands Alleingang hat jedoch nur endgültig ausgelöst, was seit Jahrzehnten feststand. England sieht sich als Teil einer Weltgemeinschaft, einer Welt die in großen Teilen aus dem Königreich hervorgegangen ist, und nicht als Teil einer EU-Gemeinschaft.

Seit dem Brexit wurde vielfach gemutmaßt, wohin der Kontinent nun treiben wird. London als ehemaliges Finanzzentrum hat viel zu gewinnen. Trotz eines aus Brüssel überregulierten Finanzmarktes war London für Investoren aus aller Welt stets das Tor zu Europa. Englische Kanzleien haben schon immer Geldgeber aus dem arabischen, asiatischen und amerikanischen Raum vertreten.

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Möchte ein internationaler Geldgeber Geschäfte in Europa machen, macht er das höchstwahrscheinlich nach englischem Recht. Dieses gilt in ähnlicher oder gleicher Form im gesamten ehemaligen englischen Weltreich.

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Das deutsche und das französische System sind allzu lokal ausgerichtet. Sowohl in ihrer Sprache, die eine enorme Hürde für internationale Investoren bietet, als auch in ihrem Horizont. Während Deutschland und Frankreich sich meistens aufeinander konzentriert haben, war für England schon immer die Welt der Maßstab.

So wundert es nicht, dass England zu alter Größe finden möchte. Über eine enorme Deregulierung des Finanzmarktes wird seit nunmehr zwei Jahren philosophiert. Noch ist nicht viel geschehen, doch mehren sich die Anzeichen.

Kann London einen neuen, zweiten Big Bang wie 1986 erzeugen[3], indem es Finanztransaktionen bedeutend vereinfacht und beschleunigt? Vieles spricht dafür. Jüngst hat das Vereinigte Königreich in ein sehr ambitioniertes Projekt investiert[4]: OneWeb soll die Zukunft des Internets über Satellit abbilden. Ist es erfolgreich, würde England das Internet der Zukunft kontrollieren, ähnlich wie die Vereinigten Staaten SEPA-Zahlungsströme oder die Schlüssel zum bisherigen Internet und andere Kerninfrastrukturprojekte verwalten.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass während Medien und Otto Normalbürger sich auf populistische Themen wie den Brexit und Boris Johnsons Frisur konzentrieren, eine ganz andere Entwicklung stattfindet: die Neuentdeckung Englands als deregulierter, zukunftsgerichteter Finanzmarktplatz von Weltformat.

Hatte man in Deutschland vollmundig vermutet, Frankfurt am Main werde diese Position demnächst einnehmen, so wurden zwei Jahre nach der Brexit-Entscheidung hierhin kaum 1.000 neue Jobs aus England verlegt. Der überregulierte, deutsch-europäische Finanzmarktplatz ist kaum attraktiv für neue Investments.

Hier verwaltet man lieber Bestand. London könnte genau durch den Brexit wieder mehr in das Zentrum der Welt rücken. Langfristige Investoren können schon heute darauf setzen. Das durchschnittliche KGV des FTSE100 liegt derzeit bei historisch niedrigen 13.66. Eine unfassbar niedrige Zahl. Zahlreiche Technologieindexe und -werte warten darauf, ihre neue Unabhängigkeit und dazugewonnene Freiheit auszukosten. Die Briten müssen nun liefern und zeigen, dass sie nicht zum prophezeiten kranken Mann, sondern zum gesunden Weltbürger werden.

[1] https://www.ft.com/content/85fc694c-9222-11e9-b7ea-60e35ef678d2
[2] https://www.kbc.com/en/economics/publications/voting-leave:-what-were-the-underlying-factors-behind-the-brexit-vote.html
[3] https://www.bbc.com/news/business-37751599
[4] https://www.ft.com/content/a573056c-ce86-4cad-a2d4-ef5836d6e729

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